Uhrenturm
Das Uhrenturmgebäude im Oxford-Quartier wurde für die Theaterinstallation Oxford Spacebase zu Ausstellungsraum und Bühne zugleich.
22.11.2023
Interview

Vom Spiel mit den Grenzen

Die Theaterinstallation Oxford Spacebase spielt mit Grenzen: denen zwischen der Zeit heute und damals, als die Kaserne noch militärisch genutzt wurde. Sie spielt aber auch mit den Grenzen des Theaters.

Der künstlerische Leiter Till Wyler von Ballmoos hat zusammen mit einem internationalen Team kein Schauspiel inszeniert, sondern einen spannungsreichen Dreiklang aus Kunstinstallation, Führung und Mitmachtheater geschaffen, der nicht zuletzt die Grenzen zwischen Schauspieler:innen und Publikum verschwimmen lässt. Im Juni ging das Rechercheprojekt in die nächste Runde: vor Ort im markanten Uhrenturmgebäude der Oxford-Kaserne.


Ungewöhnlich ist schon der Einlass. Die Frau, die die Besucher:innen begrüßt und den Rundgang durch das Gebäude, leiten wird, erklärt die wichtigste Regel: Sie allein öffnet die verschlossenen Türen, die nicht nur Räume voneinander trennen, sondern jeweils ganz neue Kapitel eröffnen. Mal finden sich die Teilnehmer:innen im Gleichschritt auf einem Exerzierplatz wieder, mal mitten in einer Kneipenschlägerei, dann wieder in einem Feldlager im Nahen Osten. In einem Raum hängen Zeitungsartikel und Fotos, in einem anderen liest eine Kriegswitwe des Zweiten Weltkrieges aus dem Briefwechsel mit ihrem Mann an der Front vor. Die Schauspieler:innen agieren dabei so authentisch in ihrer Rolle, dass das Publikum stellenweise vergisst, sich auf einer Bühne zu befinden, sondern tief in die Geschichte(n) eintaucht. 


Wieder mit dabei bei der Koproduktion zwischen Ballmoos Productions und dem Theater im Pumpenhaus: Michael Taylor. Der gebürtige Kanadier hat sechs Jahre lang in Düsseldorf Gesang studiert und ist danach nach Berlin gezogen. Heute singt er als Countertenor in der Oper. Im Projekt “Oxford Spacebase” schlüpft er in die Uniform eines britischen Soldaten.
 

kneipenschlägerei
Von Raum zu Raum reist das Publikum durch die Zeit und gelangt in immer neue Situationen – wie eine handfeste Kneipenschlägerei.
Michael Taylor
Täuschend echt verkörpert der Opernsänger Michael Taylor bei Oxford Spacebase einen britischen Soldaten.

Wie sind Sie zu Oxford Spacebase gekommen?

Ich habe Till zum ersten Mal 2018 in Münster getroffen als ich dort eine Händel-Oratorium gesungen habe. Ich bin hauptsächlich klassischer Sänger. Wir haben dann zusammen ein Glas Wein getrunken und uns über experimentelle Arbeiten ausgetauscht. Seit Beginn meiner Karriere in Deutschland habe ich immer viel interdisziplinär und in Kollektiven gearbeitet, also zusammen mit Schauspieler:innen, Tänzer:innen oder Musiker:innen. Und ich mag ortsbezogene Arbeiten. Wir haben dann erstmal ein Musiktheaterstück in der Schweiz und in Münster zusammen gemacht, aber Till hat immer wieder mit mir über das Projekt Oxford Spacebase gesprochen. Ich war also ziemlich früh mit an Bord. Für mich ist die Rolle performativer als meine sonst eher musikalischen Projekte. 
 

Spielen Sie eine bestimmte Person in Oxford Spacebase?

Der Rundgang durch das Uhrenturmgebäude ist verspielt. Ich fange an als Repräsentant eines Zeitzeugen. Ich spreche live nach, was uns der ehemalige Soldat John über seine Zeit in der Kaserne und in Münster erzählt hat. Danach geht es recht schnell mit einer Änderung des Charakters weiter: Beim Exerzierplatzmanöver und Einüben der Drillkommandos bin ich nicht mehr John, sondern irgendein Soldat. Und auch wenn ich Karaoke mache, bin ich nicht John. Ich weiß nicht, ob er jemals Duran Duran gesungen hat (lacht). Meine Rolle ist also eher eine flexible Repräsentation von britischen Soldaten. 
 

michael taylor
oxford spacebase

Da es keine reine Theateraufführung war, konnten die Zuschauer auch während der Führung mit den Schauspieler:innen interagieren. Wie war das für Sie? 

In fast jeder Vorstellung haben mir Zuschauer Fragen zu meiner Zeit als Soldat gestellt: ob ich noch in Münster lebe oder ob ich noch mit meiner Frau verheiratet bin. Beim ersten Mal war ich noch sehr überrascht: Man ist sehr nah dran am Publikum und ich habe nicht erwartet, dass unsere Aufführung so echt wirkt, dass ich mit einem Soldaten verwechselt werden könnte. Ich wusste erst nicht, wie ich reagieren sollte. Als die Fragen immer wieder kamen, wurde mir klar: Ich bin diese Person. Und dann habe ich angefangen die Geschichte von John weiterzuerzählen (lacht). Ich weiß glücklicherweise relativ viel über John als Person. 
 

Sie selbst haben also tatsächlich keinerlei Verbindung zum Militär?

Nein, in Kanada gibt es keine Wehrpflicht. Mein einziger Berührungspunkt im weiteren Sinne ist der Onkel meiner Mutter, der in Heidelberg stationiert war. Und das weiß ich auch nur, weil er immer Weihnachtsbaumschmuck aus Heidelberg mitgebracht hat. Meine Augen und Ohren sind jetzt aber für das Thema geöffnet. Zum Beispiel war ich in der Zwischenzeit in Kanada und habe militärische Lieder gehört. Die habe ich als Teil unserer Recherche wiedererkannt. Es ist interessant zu beobachten, wie solche Kulturgüter in der Tradition weiterleben. Und es war besonders spannend zu lernen, was im vergangenen Jahrhundert auf dem Areal passiert ist. Man erwartet nicht die kleinen Details der Geschichte. Man hat bestimmte generische Bilder im Kopf, von marschierenden Soldaten oder von Panzern. Aber damit konfrontiert zu werden, dass Leute in der Kaserne gelebt und ihre persönliche Beziehung zu dem Ort haben, ist sehr spannend und setzt den Ort in Kontext der über die reine Architektur hinausgeht.
 

Mehr zu Oxford Spacebase in Magazin 3 & 4

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